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Los geht's

"Der Verein ist unser Haus"

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Der FV Blau-Weiß Gonnesweiler engagiert sich seit 2015 in der Flüchtlingshilfe. Dafür gab es Preise und Anerkennung – aber auch viel Arbeit und manchmal auch Frust. Wie hat sich das Vereinsleben nach zwei Jahren Integrationsarbeit verändert? Ein Ortstermin.

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Ein Dorfverein wird zum Vorzeigeprojekt

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Stefan Kunz - Vereinsvorsitzender und Motor der Integrationsarbeit.
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Gut 1.000 Einwohner, eine Durchgangsstraße und direkter Zugang zu einem kleinen Stausee - das ist Gonnesweiler in der Gemeinde Lohfelden im Saarland. Eigentlich unscheinbar. Aber dennoch ist der Ort bundesweit bekannt - zumindest bei Menschen, die nach Beispielen für gelungene Integrationsarbeit suchen.

Als vor gut zwei Jahren mehr als 200 Flüchtlinge aus dem arabischen Raum in die Gemeinde Lohfelden kamen, sah sich der Verein in der Pflicht. "Es fanden sich ein paar Mutige, die die Erstversorgung übernahmen", erinnert sich Stefan Kunz, der Vorsitzende des Vereins an die ersten Aktivitäten.

"Es wurde schnell klar, dass ein Sportverein ein guter Startpunkt für Integrationsarbeit ist", so Kunz. Vor allem die jungen Männer, die es in die saarländische Gemeinde verschlagen hatte, nahmen die Sportangebote gerne an.

Neue Aufgaben

Doch die ausschließlich für Flüchtlinge ausgelegten Sportangebote waren dem Verein nicht genug. Das Ziel war vielmehr, ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich in den Verein und die Gemeinschaft einzubringen.

Daher ist in Gonnesweiler nach nicht ganz zwei Jahren viel passiert. Der Klub hat ein Patenmodell ins Leben gerufen, unterstützt die Geflüchteten bei Behördengängen, Arztbesuchen und hilft mit, die Freizeit gemeinsam zu gestalten. 

Doch Stefan Kunz, der als Vorsitzender maßgeblichen Anteil am Engagement des Klubs hat, weiß auch, dass der Integrationsprozess länger dauern wird. Die Phase der Erstversorgung sei vorbei und der Verein stelle sich neu auf, um mit den geänderten Herausforderungen fertig zu werden.

Positive Bilanz nach zwei Jahren

Unter dem Strich fällt die Bilanz positiv aus. Vielen Menschen konnte geholfen werden, die Arbeit des Vereins hat Wertschätzung erfahren und vor allem hat sie etwas mit den Menschen in Gonnersweiler gemacht, wie Stefan Kunz festgestellt hat.

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Stefan Kunz - Vereinsvorsitzender und Motor der Integrationsarbeit.
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"Das hat die Seele gerührt"

Stefan Kunz, der Vorsitzender des FV Blau-Weiß Gonnesweiler, hat eine Veränderung bei seinen Vereinsmitgliedern festgestellt.

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Integrationsarbeit ist heute ein fester Bestandteil des Vereinslebens. Das zeigt sich auch beim Besuch im Gonnersweiler Sportheim an einem Freitagnachmittag.

Hier treffen sich Akteure der Flüchtlingsarbeit - ungezwungen bei Kaffee und Kuchen. Stefan Kunz hat die neue druckfrische Imagebroschüre des Vereins mitgebracht - die natürlich zweisprachig vorliegt, in arabisch und deutsch.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich der FV Gonnersweiler zu einer festen Größe in der Integrationsarbeit der Gemeinde entwickelt - mit praktischer Hilfe, Know-how und Tatkraft. Diejenigen, denen so geholfen wurde, wissen das zu schätzen.
 


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"Die Kommunikation durch Sport geht schneller und leichter"

Dr. Ghifar Taher Agha kam aus Aleppo ins Saarland - und lernte dort den FV Blau-Weiß Gonnesweiler kennen.

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Dr. Ghifar Taher Agha ist Chirurg. Seine Ausbildung machte er in Aleppo, dort lernte er seine Frau Rans kennen und gründete eine Familie.

Doch 2015, Sohn Hasan war gerade drei Monate alt, war für die junge Familie klar, dass sie die Stadt verlassen muss. Zunächst kamen sie bis in die Türkei, dort ließ Ghifar seine Frau und die beiden Kinder zurück und machte sich auf den Weg nach Deutschland.

Der Zufall wollte es, dass er in der Gemeinde Lohfelden landete - und damit ganz in der Nähe des FV Blau-Weiß Gonnesweiler.

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Im vergangenen Jahr konnten Rans Taher Agha und die Kinder Carmen und Hasan endlich das Flüchtlingslager in der Türkei verlassen und nach Deutschland kommen. Nach zweieinhalb Jahren Trennung war die Familie wieder vereint - und blickt nun optimistisch nach vorne.

Ghifar Taher Agha hat seine Anerkennungszeit an einem deutschen Krankenhaus mittlerweile hinter sich und ist jetzt auf der Suche nach einer Stelle als Chirurg.

Und auch die Integration in Gonnesweiler geht weiter: Ganz in der Nähe des Sportplatzes hat die Familie eine Wohnung gemietet, Rans engagiert sich bereits im Sportangebot für Frauen und Kinder und Ghifar ist Vorsitzender des interkulturellen Vereins, der die Integrationsarbeit innerhalb des FV Blau-Weiß Gonnesweiler unterstützt.

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"Der Verein ist unser Haus"

Die Schwierigkeit ist immer die Sprache, weiß Dr. Ghifar. Hier sieht er die Hauptaufgabe des Interkulturellen Vereins.

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Die Geschichte von Ghifar Taher Agha zeigt, wie sich innerhalb von zwei Jahren auch auf der Seite der Flüchtlinge die Perspektiven gewandelt haben - von den "Bedürftigen", die ohne Hab und Gut in einem fremden Land strandeten zu aktiven Gestaltern der Integrationsarbeit.

Um diese Arbeit zu koordinieren und zu steuern, wurde in Gonnesweiler aus dem Sportverein heraus der Interkulturelle Verein gegründet. Die Besonderheit ist dabei, dass alle Vorstandspositionen doppelt besetzt sind: von einem Geflüchteten  und einem Deutschen.

Und plötzlich wird aus dem Verein mehr als nur ein Mittel zum Zweck.

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"Wir wollten den Flüchtlingen eine Stimme geben"

Stefan Kunz beschreibt die Aufgaben des Interkulturellen Vereins, der den Flüchtlingen zutiefst demokratische Erlebnisse ermöglicht.

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Von der Integrationsarbeit profitieren Geflüchtete und Verein gleichermaßen.

Einige Vorteile für den Verein sind teilweise sogar messbar. Die Zahl der Mitglieder ist in den vergangenen Jahren deutlich nach oben gegangen: 500 zählte der Verein im vergangenen Jahr, jeder fünfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Auch das Sportangebot ist angewachsen. Lag der Fokus vor zehn Jahren noch komplett auf dem Fußball, hat sich der FV Blau- Weiß Gonnesweiler mittlerweile zu einem Mehrspartenverein entwickelt, der sich mehr und mehr auf Familien konzentriert.  

Der Erfolg in der Arbeit mit und für die Flüchtlinge blieb nicht unbemerkt - sowohl im Saarland als auch bundesweit gilt der FV Blau-Weiß Gonnesweiler als vorbildlich in seinem Engagement.

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Verleihung des 10. DFB Integrationspreis

Oliver Bierhoff öffnet den Umschlag und der Gewinner des 10. Integrationspreises des Deutschen Fußball-Bundes in der Kategorie "Vereine" heißt FV Blau-Weiß Gonnesweiler.

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Der Preis für die geleistete Arbeit

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Gewinn: DFB-Sponsor Mercedes schenkte dem FV Gonnesweiler einen nagelneuen Mercedes VIto.
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Damit hatte die Delegation aus dem Saarland nicht gerechnet: Als Oliver Bierhoff den Preisträger bekannt hab, schlug Stefan Kunz die Hände über dem Kopf zusammen, wie "durch einen Tunnel" sei er auf die Bühne gelaufen, sagte er nach der Preisverleihung im DFB-Museum in Dortmund: "Für uns ist das eine tolle Anerkennung".

Es ist nicht der erste Preis, den die Gonnesweiler für ihre Integrationsarbeit erhalten. 2015 wurde der Verein von der Egidius-Braun-Stiftung des DFB geehrt, im gleichen Jahr erhielt er den Jugendförderpreis des Saarländischen Fußballverbands für sein soziales Engagement. So ging es auch 2016 weiter: Zunächst mit dem Willkommenspreis des Saarlands und schließlich dem  Hermann-Neuberger-Preis für soziales Engagement. Zudem ist Gonnesweiler seit 2015 ein anerkannter Stützpunktverein des Bundesprogramms "Integration durch Sport" des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Motivation durch Anerkennung

"Wir haben gemerkt, dass das, was wir tun, anerkannt wird", so Kunz mit Blick auf diese Ehrungen. Dies sei nicht zuletzt innerhalb des Vereins wertvoll. Denn trotz aller Erfolge vor Ort sei es auch wichtig, die ehrenamtlich aktiven Vereinsmitglieder daran teilhaben zu lassen, dass diese Arbeit außerhalb der Gemeinde anerkannt wird.

Wichtiger finanzieller Faktor

"Man muss aber auch klar sagen, dass wir ohne die mit den Preisen verbundene finanzielle Unterstützung unsere Arbeit so nicht leisten könnten", so Kunz. Denn nur durch Mitgliedsbeiträge könne maximal kurzfristig etwas bewirkt werden - doch da hat der Verein andere Pläne.

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Gewinn: DFB-Sponsor Mercedes schenkte dem FV Gonnesweiler einen nagelneuen Mercedes VIto.
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Die blauen Trikots gehören zum Verein - sowohl auf dem Sportplatz als auch im Vereinsleben. "Wir haben alle ehrenamtlichen Helfer mit diesen Trikots ausgestattet", erklärt der Vereinsvorsitzende. Sie sollen zeigen, dass diese Teamplayer genauso wichtig sind, wie die Sportler im Wettkampf, wenn es darum geht, den Verein zu repräsentieren.

Dabei geht es gar nicht allein um die Arbeit mit den Geflüchteten - diese Trikots sieht man auch in den Fitnessgruppen, dem Kinderturnen oder beim Seefest.

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"Die Maßnahmen sind auf Dauer angelegt"

Stefan Kunz weiß, dass der Integrationsprozess ein langer Weg ist - daher ist die Vereinsarbeit jetzt auf Dauer ausgerichtet.

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Die langfristige Herangehensweise der Arbeit zeigt sich vor allem im Wandel der Zielgruppe: Waren es früher vor allem junge Männer, die mit dem Sport mit dem Verein in Kontakt kamen, sind es heute vor allem junge Familien und Frauen, auf die sich der Verein konzentriert.

Das Angebot ist vielfältig: "Frauen und Gesundheit", "Frauen und Familie" oder "Frauen und Arbeit" sind die Titel von Workshops, die vom Verein und seinen Kooperationspartnern angeboten und durchgeführt werden.

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"Wir müssen die Frauen mitnehmen"

Der Verein hat viel über die Rolle der Frau in den arabischen Familien gelernt - und setzt dieses Wissen in seiner Integrationsarbeit um, erzählt Stefan Kunz.

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Vertrauen als Basis

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Dr. Nabil El Beituni lebt seit mehr als 50 Jahren im Saarland und ist dem FV Blau-Weiß Gonnesweiler eine wertvolle Hilfe in der Integrationsarbeit.
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Dr. Nabil El Beituni ist Dolmetscher, Islam- und Politikwissenschaftler. Er lebt seit mehr als 50 Jahren in der Region und ist in Gonnesweiler der Brückenbauer zwischen Geflüchteten und dem Verein. Er genießt auf beiden Seiten großes Vertrauen - und kann nicht zuletzt durch seine Erfahrung als Dolmetscher helfen, viele Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Kulturelle Identität teilen

Unter anderem gibt er Kurse für die Frauen der Flüchtlinge - auch, um ihnen von der Rolle der Frau in Deutschland zu berichten. Er ist sicher: „Wenn diese Frauen hier ihre kulturelle Identität behalten und die deutsche Identität mittragen, dann sind sie reiche Menschen.“

Der FV Blau-Weiß Gonnesweiler versteht sich dabei als Türöffner - neben den schon bewährten Hilfen beim Erlernen der Sprache versorgt der Klub die Frauen auch mit Informationen über Bildungsmöglichkeiten sowie Berufs- und Aufstiegschancen.

Sport baut Brücken

Und welche Rolle spielt dabei der Sport? Er ist - wie schon beim ersten Kontakt mit den jungen Syrern, die nach Gonnesweiler kamen - die Basis für das wichtige Vertrauen und der Antrieb, um aufeinander zuzugehen.

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Dr. Nabil El Beituni lebt seit mehr als 50 Jahren im Saarland und ist dem FV Blau-Weiß Gonnesweiler eine wertvolle Hilfe in der Integrationsarbeit.
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"Integration ist keine Einbahnstraße"

Dr. Nabil El Beituni ist der Brückenbauer und kennt sich mit Integration aus.

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Vorher/Nacher Ansicht

Fototermin beim Ortsbesuch

Einmal mit dem Wischer über das Bild - und man bekommt zumindest vom nummerischen Zuwachs beim FV Blau-Weiß Gonnesweiler einen kleinen Eindruck.

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"Durch die Arbeit mit Geflüchteten ist vieles stärker geworden"

Simon Kirch ist Integrationsbeauftragter des Landessportbundes für das Saarland und begleitet den Verein schon seit den Anfängen des Flüchtlings-Engagements. Er ist sicher: Die Integrationsarbeit hilft dem Verein, sein soziales Engagement umzusetzen - und davon zu profitieren.

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Das Vereinsleben beim FV Blau-Weiß Gonnesweiler ist mit dem in anderen Vereinen vergleichbar - und dennoch komplett anders. Aus dem Impuls heraus, in der Flüchtlingskrise anzupacken und zu helfen, hat sich ein komplett neues Betätigungsfeld für den Verein ergeben. Das führt dazu, dass der Verein andere Schwerpunkte in seiner Arbeit setzt und neue Kompetenzen aufbaut.

In Gonnesweiler treffen sich heute Menschen, die sich gegenseitig dabei helfen, die Kultur des jeweils anderen kennenzulernen und Bedenken abzubauen. Dabei hilft der Sport, das gemeinsame Interesse, die Bereitschaft, sich auszutauschen und von einander zu lernen. 

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